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Entwicklung der Diagnose- und Medikationsprävalenzen von ADHS bei Kindern und Jugendlichen zwischen 2008 und 2011 im regionalen Vergleich - Teil 1

Versorgungsatlas-Bericht Nr. 14/09

Seit vielen Jahren bildet die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ein Thema von großem Interesse. Nationale und internationale Studien berichten immer wieder von steigenden Diagnosezahlen und Verordnungen von Methylphenidat (bekanntester Handelsname: Ritalin). Jedoch sind die Ergebnisse unterschiedlicher Studien auf Grund verschiedener Datengrundlagen und Einschlusskriterien oft nur eingeschränkt miteinander vergleichbar. Ambulante Abrechnungsdaten sowie Arzneiverordnungsdaten der Jahre 2008 bis 2011 bieten hier eine alternative Möglichkeit, die Entwicklung von Diagnostik und Medikation auf Basis einer einheitlicher Datengrundlagen über einen Vierjahreszeitraum zu beobachten.

Im Analysezeitraum von 2008 bis 2011 werden aus bundesweiten, kassenübergreifenden ambulanten Abrechnungsdaten der 17 Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 14 Jahren mit mindestens zweimaliger gesicherter Kodierung von ADHS (ICD-10-Code: F90 „Hyperkinetische Störungen“) in unterschiedlichen Quartalen eines Jahres als ADHS-Patienten identifiziert. Altersstandardisierte Diagnose-Prävalenzen von ADHS pro Jahr werden auf Basis der in den Abrechnungsdaten enthaltenen Patienten auf KV- und Kreisebene berechnet. Die ebenfalls bundesweit und kassenübergreifend vorliegenden Arzneiverordnungsdaten desselben Zeitraumes werden herangezogen, um Verordnungen von Methylphenidat (ATC-Code = N06BA04) und Atomoxetin (ATC-Code = N06BA09) bei 5- bis 14-Jährigen zu extrahieren. Bezogen auf alle Patienten zwischen 5 und 14 Jahren bzw. auf diejenigen mit ADHS wird die Anzahl der verordneten Packungen, das Verordnungsvolumen (in DDD = Defined Daily Dose) und die Zahl der Patienten mit mindestens einer Verordnung altersstandardisiert nach KV-Bereichen bestimmt.

Im Untersuchungszeitraum 2008 bis 2011 wird für Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 14 Jahren ein Anstieg der ADHS-Diagnoseprävalenz von 3,7% auf 4,4% beobachtet. Jungen sind gut dreimal so häufig betroffen wie Mädchen. Das Verordnungsgeschehen ist bis 2010 leicht zunehmend und danach zu 2011 leicht rückläufig. Die rückläufige Tendenz ist bezogen auf die ADHS-Patienten deutlicher als in Bezug auf alle Kinder. 2011 wird bei ADHS-Patienten ein Verordnungsgeschehen z.T. unter dem Niveau von 2008 erreicht. Sowohl bei der Diagnostik als auch bei der Medikation gibt es deutliche Unterschiede zwischen den KV-Bereichen. Tendenziell höhere Diagnose-Prävalenzen zeigen sich in südöstlichen Bundesländern sowie in Rheinland-Pfalz. Eher niedrigere Werte weisen Hamburg, Bremen und Hessen auf. Diese räumlichen Muster spiegeln sich nur z.T. in der Medikation wider. Bezogen auf alle Kinder findet sich ein geringeres Verordnungsgeschehen im Nordosten sowie in Bremen und Hessen, ein höheres in Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und in Bayern. Bezogen auf die ADHS-Patienten ist im Bereich der neuen Bundesländer tendenziell ein geringeres Verordnungsgeschehen zu beobachten als in den alten Bundesländern.

Anhand der vorliegenden Untersuchung kann nicht ausgeschlossen werden, dass die leicht steigende Diagnose-Prävalenz trotz strenger Einschlusskriterien durch einen steigenden Anteil falsch positiver Diagnosen beeinflusst wird. Andererseits lassen die Ergebnisse im Vergleich zu anderen, vor allem internationalen Studien auch den Schluss zu, dass sogar eine Unterdiagnose der ADHS vorliegen könnte. Das seit 2010 etwas zurückgehende Verordnungsgeschehen könnte mit den im Jahr 2010 geänderten Arzneimittelrichtlinien des Gemeinsamen Bundesausschuss zur Beschränkung von Methylphenidatverordnungen zusammenhängen. Jedoch bedarf es einer weiterführenden Betrachtung im Zeitverlauf, um zu beurteilen, ob sich der beobachtete Trend fortsetzt. Zur Klärung der räumlichen Unterschiede sind weitere Studien angebracht. So könnte zum Beispiel untersucht werden, inwieweit die Verfügbarkeit von Kinder- und Jugendpsychiatern, sozioökonomische Faktoren oder auch vorhandene ADHS-Verträge zwischen KV-Bereichen und Krankenkassen die Diagnostik und Medikation von ADHS beeinflussen.

Bericht

Infoblatt

Abstract (englisch)

Pressemitteilung

Schlagwörter (Keywords): ADHS, ambulante Versorgung, Arzneiverordnung, Diagnostik, Methylphenidat, Prävalenz, Therapie, Verordnungsraten, Zeitreihe

Zitierweise des Berichts vom 03.12.2014
Hering R, Schulz Mandy, Wuppermann A, Bätzing-Feigenbaum J.
Entwicklung der Diagnose- und Medikationsprävalenzen von ADHS bei Kindern und Jugendlichen zwischen 2008 und 2011 im regionalen Vergleich - Teil 1
Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi).
Versorgungsatlas-Bericht Nr. 14/09.
Berlin 2014
DOI: 10.20364/VA-14.09
Link: http://www.versorgungsatlas.de/themen/alle-analysen-nach-datum-sortiert/?tab=6&uid=51